Select Page

Dankbarkeit – die Kunst, das Gute zu sehen

Es gibt Lebenssituationen, da fällt es schwer, nicht zu verzweifeln. Erlebnisse wie Verlust, Misserfolg oder Krankheit sind meist nicht leicht zu verkraften. Für Dankbarkeit scheint dann kaum Platz zu sein. „Womit habe ich das verdient?“ fragt man sich dann eher. Doch wer auch in Krisenzeiten dankbar ist, hilft sich selbst am meisten – und Dankbarkeit kann man lernen. Lesen Sie unser Interview des Monats mit Prof. Dr. Henning Freund, Dankbarkeitsforscher und Studienleiter des Weiterbildungsstudienganges M.A. Religion und Psychotherapie an der Evangelischen Hochschule Tabor in Marburg.

Herr Prof. Dr. Freund, was bedeutet Dankbarkeit für Sie als Wissenschaftler?

Prof. Dr. Freund: Zum einen verstehe ich darunter eine dankbare Grundhaltung, also die Fähigkeit, die positiven Dinge des Lebens wahrzunehmen und wertzuschätzen. Wer diese Einstellung hat, ist leichter in der Lage, dankbare Gefühle zu erleben. Doch es geht auch um die Empfindung in ganz konkreten Situationen. Wenn man von jemandem etwas Positives erfährt, z. B. etwas geschenkt bekommt, kann man ganz bewusst und auf einen bestimmten Menschen bezogen Dankbarkeit empfinden.

Einen schweren Schicksalsschlag emotional zu überwinden ist hart. Wie kann man sich am besten aus dieser persönlichen Krisensituation befreien?

Prof. Dr. Freund: Das Wichtigste ist, dass man die Gefühle, die man in der Krise hat, zulässt. Dankbarkeit zu empfinden bedeutet nicht, über Traurigkeit, Enttäuschung oder berechtigten Ärger hinwegzusehen, sondern den negativen Gefühlen zunächst ihren Raum zu lassen. In jeder Krise gibt es jedoch einen Punkt, an dem man merkt, dass man auch ein anderes Gefühl zulassen kann. Ich halte es für möglich, dass man auch in einer persönlichen Krise eine Dankbarkeitserfahrung machen kann. Beispielsweise, dass man sich von seinen Mitmenschen oder von Gott gehalten fühlt.

Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass gläubige Menschen grundsätzlich dankbarer sind?

Prof. Dr. Freund: In allen Religionen wird Dankbarkeit gelehrt: „Seid dankbar in allen Dingen“ heißt es beispielsweise in der Bibel. Daher denke ich, dass Gläubige einen leichteren Zugang dazu haben. Aber es gibt auch so etwas wie den Dankbarkeitsdruck. Manche Menschen denken, dass sie aufgrund ihres Glaubens dankbar sein müssen, obwohl sie sich im Moment gar nicht so fühlen. Das kann dazu führen, dass sie in einen Konflikt kommen, ein religiöses Bild erfüllen zu müssen, das sie zu dem Zeitpunkt aber emotional nicht verwirklichen können.

Das Dankbarkeitstagebuch ist eine Möglichkeit, Dankbarkeit zu trainieren. Gibt es noch andere Methoden?

Prof. Dr. Freund: Ich glaube, dass erstmal kein Weg daran vorbeiführt, die Aufmerksamkeit auf das Gute im Leben zu richten. Doch Dankbarkeit beruht nicht nur auf einer Erkenntnis in dem Sinne, etwas zu bemerken. Sie hat auch eine emotionale Komponente, welche sich dadurch stärken lässt, dass man sich Situationen einer Wohltat nochmal ins Gedächtnis ruft und sich hineinfühlt.

Dankbarkeit ist eng mit dem Gefühl der Freude verbunden. Dieser Ausdruck zu geben, z. B. durch eine offene Körperhaltung, kann dazu führen, dass man Dankbarkeit leichter empfinden kann.

Letztendlich ist Dankbarkeit auch damit verbunden, diese durch aktives Handeln auszudrücken. Man kann z. B. einen Dankesbrief schreiben, einen Dankbesuch abstatten oder ein Gebet sprechen. Es ist also wichtig, zu der geistigen Komponente „ich bemerke das“ noch Emotion und Handlung miteinzubeziehen. Wenn man dies umsetzt, kann man ein ganzheitliches Dankbarkeitserlebnis haben.

 Herr Prof. Dr. Freund, wir danken Ihnen für das Gespräch.