„Der Austausch gibt Kraft.“

Besuch einer Gesprächsgruppe für Angehörige von altersverwirrten Menschen

Einmal im Monat laden Monika Hanke und ihre Kollegen vom Sozialdienst des Gerontopsychiatrischen Zentrums am Psychiatrischen Zentrum Nordbaden Angehörige von Demenzkranken zu einer Gesprächsgruppe ein. In dieser Runde finden die Teilnehmer Gelegenheit zum Austausch und erhalten wertvolle Fachinformationen, um die alltäglichen Herausforderungen im Zusammenleben mit den Erkrankten besser zu bewältigen. Das Themenspektrum reicht von Tipps zur Verständigung mit altersverwirrten Menschen über ergotherapeutische Beschäftigungsmöglichkeiten bis hin zur Situation am Ende des Lebens mit Demenz.

Monika Hanke hat die Angehörigengruppe als eine der ersten regionalen Selbsthilfe-Initiativen deutschlandweit konzipiert und leitet sie nun schon seit 21 Jahren federführend. „Wir saßen hier schon zu dritt, aber auch zu dreißigst. Die Offenheit, in der wir heute Probleme von Angehörigen demenziell Erkrankter ansprechen, mussten wir uns Stück für Stück erarbeiten. Erst allmählich wurde anerkannt, wie wertvoll und wichtig diese Form der Unterstützung für die Betroffenen ist“, berichtet sie.

Eingeladen ist auch die Gesundheits- und Krankenpflegerin Annette Kübler. Sie wird den Teilnehmern Rede und Antwort zum richtigen Umgang mit Inkontinenz bei Demenzkranken stehen. Aus ihrer langjährigen Erfahrung in der ambulanten und stationären Versorgung weiß sie, wie sehr dieses Thema den Pflegealltag bestimmen kann. Auch die Sozialarbeiterin Monika Hanke bringt nicht nur ein Vierteljahrhundert Berufserfahrung, sondern wertvolle Zusatzqualifikationen in die Koordination und Moderation der Gesprächsgruppe mit ein. So gelingt es ihr, jede Teilnehmerin und jeden Teilnehmer der Gruppe hinreichend zu Wort kommen zu lassen, ohne auch nur eine Sekunde den roten Faden des Gesprächs zu verlieren. Keineswegs eine leichte Aufgabe, denn die Teilnehmer bringen die unterschiedlichsten Fragen und Erwartungen mit! Manche besuchen die Gruppe schon seit Jahren, andere sind neu dazu gestoßen. Einige verfügen bereits über fundiertes Wissen zu der Erkrankung, andere wiederum suchen gerade nach Orientierung im Dickicht der verfügbaren Informationen.

Die Traurigkeit zulassen

So unterschiedlich die Voraussetzungen, so deutlich auch die gemeinsamen Sorgen und Nöte. Ist es richtig, meinen demenzkranken Lebenspartner in ein Heim zu geben? Mit diesem Thema hadern die meisten.

„Mein Herz ist so schwer. Man redet jetzt schlecht über mich, als ob ich ihn leichtfertig abgeschoben hätte. Dabei habe ich es einfach nicht mehr geschafft!“, berichtet Frau E., deren Ehemann nun seit zwei Jahren im Pflegeheim lebt.

Wie viele Angehörige konnte sie nach anfänglicher Pflege zu Hause die immensen Anforderungen der fortschreitenden Erkrankung nicht mehr alleine bewältigen. Nun ist sie Tag für Tag im Pflegeheim, gibt ihrem Mann mit großer Geduld das Essen und unterstützt die Pflegekräfte, wo sie kann.

Als belastend empfindet diese Situation auch Frau B. Ihr Mann erhielt im Alter von 53 Jahren die Diagnose „Frontotemporale Demenz“, eine Krankheit, bei der zunächst Nervenzellen im Stirn- und Schläfenbereich abgebaut werden. Folge ist ein Kontrollverlust der Emotionen und des Sozialverhaltens. Seit drei Jahren spricht er nun nichts mehr, sitzt im Rollstuhl und weint neuerdings auch häufig. Vor einem halben Jahr kam auch sie an den Punkt, an dem es zu Hause nicht mehr ging. „Ich kann einfach nicht abschalten, bin jeden Tag bei ihm im Pflegeheim. Obwohl ich jetzt viel alleine bin, lastet ununterbrochen die Verantwortung für ihn auf mir. Der Austausch in dieser Runde ist auch deshalb so wichtig für mich. Hier treffe ich auf Gleichgesinnte, die genau wissen, worum es geht“, sagt sie.

„Man muss lernen loszulassen“, weiß auch Frau S., die heute gekommen ist, obwohl ihre demenzkranke Mutter, die sie jahrelang zuhause gepflegt hatte, vor Kurzem starb. Sie berichtet von vielen Konflikten, die sie in dieser Zeit durchlebt hat. Doch es habe auch schöne und tröstliche Momente gegeben, erinnert sie sich. Nun ist sie bereit, ihr Wissen weiterzugeben. Sie denkt sogar darüber nach, eine Ausbildung als Demenzbegleiterin zu absolvieren und Menschen, die sich neu mit der Erkrankung auseinander setzen müssen, zu unterstützen.

Zu diesen gehört Frau P. Bei ihrem 80-jährigen Ehemann wurde im Zuge einer Akutbehandlung im Krankenhaus die Demenzerkrankung festgestellt. Nach einer kurzen Versuchsphase, ihn daheim zu versorgen, musste auch er in einem Pflegeheim untergebracht werden. „Er will sofort nach Hause, beschimpft mich vorwurfsvoll und verhält sich teils sogar aggressiv“, schildert sie ihr Dilemma. „Unser Haus ist nicht barrierefrei und mein Mann hat sich durch seine nächtliche Unruhe ständig verletzt, ganz abgesehen davon, dass ich selbst keinen Schlaf mehr gefunden habe.“ Aus der Gesprächsrunde nimmt sie mit, dass es für sie keinen Grund für Zweifel und Selbstvorwürfe gibt.

So vieles haben sich die Angehörigen in dieser Gesprächsrunde zu sagen, dass der Austausch nach dem offiziellen Ende spontan beim gemeinsamen Restaurantbesuch fortgesetzt wird. Telefonnummern und Tipps, aber auch aufmunternde Worte und tröstende Gesten werden ausgetauscht, bevor ein kraftspendender Abend zu Ende geht.